Bastiaan van Rooden aka Spot steht  auf einer Bühne, hinter ihm sieht man die erste Folie seines Vortrags, die sagt The Language of Innovation.

Die Sprache der Innovation

04.06.20

Die Gespräche in unserer Unternehmenswelt stecken im Industriezeitalter fest. In einer Sprache, die Kommando und Kontrolle widerspiegelt. Was wäre, wenn wir eine andere Sprache sprächen?

Spot hielt diesen Talk ursprünglich auf Englisch am 23. Februar 2019 am World IA Day in Zürich.

Die dystopische Zukunft von „Neusprech“

In seinem Roman „1984“ spricht George Orwell von einer Zukunft, in der die Regierungspartei eine neue Sprache namens „Neusprech“ erschaffen hat. Diese Sprache hat ein Ziel: den Bedürfnissen der Regierungspartei zu dienen, indem jegliches Andersdenken unmöglich gemacht wird. Durch „Doppeldenk“ werden dabei Aussagen wie „Freiheit ist Sklaverei“, „Krieg ist Frieden“ und „Unwissenheit ist Stärke“ möglich – widersprüchliche Überzeugungen, die sonst nicht vereinbar wären. So wird alles, was die Regierungspartei sagt, zur „Wahrheit“.

Lass uns nun einige Worte austauschen.

  • Krieg ist BUSINESS
  • Freiheit ist GELD
  • Unwissenheit ist ERFOLG

Bastiaan referiert. Die Folie hinter ihm zeigt, wie mit George Orwells "Doppeldenk" eine Aussage wie "Krieg ist Geschäft" erklärt werden kann.
Bastiaan aka Spot zeigt, wie erschreckend unsere Businesssprache und „Doppeldenk“-Aussagen aus George Orwells Dystopie „1984“ sind.

Lösen diese Aussagen bei dir ein unbehagliches Gefühl aus?

Wie viele Business-Ratgeber hast du gelesen, die Business mit Krieg vergleichen? „Business heisst Krieg.“ „Konkurrenz ist der Feind.“ Wie oft hast du gehört, dass Geld Freiheit und Unabhängigkeit beschert? Man müsse nur genug hart arbeiten, um sich selbst zu befreien. Wann hast du zuletzt eine Entscheidung getroffen, die – wissentlich oder unwissentlich – deinem persönlichen Erfolg diente, hast dabei aber den physischen, psychischen oder finanziellen Schaden ignoriert, den deine Entscheidung anderen zugefügt hat? Die Realität, die durch Aussagen wie „Krieg ist Business“, „Freiheit ist Geld“ oder „Unwissenheit ist Erfolg“ entsteht, spiegelt die Grundwerte der Geschäftswelt wider.

Businesssprache: Kommando und Kontrolle

Diese Sprache der Geschäftswelt ist vom Industriezeitalter geprägt. Erfindungen wie Fabriken, Fliessbänder und Massenproduktion haben unsere Gesellschaft verändert. Zusammen mit dem industriellen Fortschritt entstand eine neue Sprache, um über diese Schöpfungen zu sprechen: Wiederholung, Effizienz, Produktivität, Management, Hierarchie… Es entstand eine Sprache, die auf Kommando und Kontrolle basiert. Zugleich ist es auch eine Sprache der Entmenschlichung, in der wir Menschen zu austauschbaren Zahnrädern in einer Maschine werden.

Wir haben das Industriezeitalter hinter uns gelassen. Aber wir denken, sprechen und unterhalten uns immer noch mit dem Vokabular dieser Zeit. Es ist an der Zeit, dass wir ein Gespräch über die überholten Prinzipien, Methoden und Prozesse aus dem Industriezeitalter beginnen. Der Begriff „Human Resources“ ist ein Paradebeispiel für die Auswirkungen des Industriezeitalters. Er ist schädlich, weil er die Art und Weise prägt, wie wir über Menschen denken. Als blosse Ressourcen.

  • Frauen gehören Männern.
  • Kinder sind billige Arbeitskräfte.
  • Menschen können Eigentum anderer Menschen sein.

Vor noch nicht allzu langer Zeit wurden diese Aussagen als wahr angesehen. In einigen Teilen der Welt werden sie immer noch nicht hinterfragt. Sie widerspiegeln die Interessen der Regierungspartei. Aber das bedeutet nicht, dass wir sie einfach akzeptieren sollten. Es bedeutet nicht, dass wir den Status quo nicht in Frage stellen können. Gerade das sollten wir tun, indem wir Geschichten einer Zukunft erzählen, die anders, besser und menschlicher ist.

„Was wäre, wenn…?“ – Infragestellung des Status quo

Wie beginnen wir diese Zukunft? Wir haben ein mächtiges Werkzeug: Sprache, und insbesondere Fragen. Die interessanteste Frage ist dabei: „Was wäre, wenn…?“. Was wäre, wenn es illegal ist, dass Menschen Eigentum von jemand anderem sein können? Was, wenn Kinder nicht arbeiten dürfen, bis sie erwachsen sind? „Was wäre, wenn…?“-Fragen stellen bestehende Machtstrukturen, Autoritäten und Regeln in Frage. Solche Fragen eröffnen einen neuen Raum, in dem eine menschlichere Zukunft möglich wird.

Solche „Was wäre, wenn…?“-Fragen waren eine treibende Kraft in der Hippie-Kultur. In dieser Kultur schuf das antiautoritäre Ethos einen Denkraum. In diesem bewegten sich Informationen frei und waren für jeden zugänglich, in der Hoffnung, dass daraus eine friedlichere, egalitärere Gesellschaft entstehen könnte.

Eine Frau mit ausgestreckten Armen. Sie trägt Blumen im Haar und mehrere lange Halsketten. Ein typisches Bild der Hippie-Kultur.
Die Hippie-Kultur hatte zum Grundsatz, dass Liebe jedes Hindernis überwinden kann.

Die Hippie-Kultur brachte Begriffe wie „Flower Power“ hervor. Flower Power ging davon aus, dass die Kraft der Liebe über Gewalt und Hass siegen würde. Wir mögen die Wirksamkeit hiervon in Frage stellen, nichtsdestotrotz hat diese Zeit auch eine ganze Bewegung der gewaltfreien Kommunikation ausgelöst, die auch heute noch aktuell ist – vielleicht sogar mehr denn je.

Die Silicon-Valley-Traum-Maschine: Computer als intellektuelle Verstärker

Die Hippie-Kultur der 70er hat auch das berühmte Forschungslabor Xerox PARC im Silicon Valley stark beeinflusst. Vermutlich hast du von einigen ihrer Erfindungen gehört – unter anderem gehören dazu die grafische Benutzeroberfläche, die Maus und das Ethernet. Die Forschungsgruppe, zu der Xerox PARC gehörte, wurde „The Dream Machine“ genannt. In ihrem Vision-Statement hiess es: „Die Bestimmung von Computern ist, interaktive intellektuelle Verstärker für alle Menschen zu werden, weltweit miteinander vernetzt.“ Wann hast du zuletzt ein Unternehmensleitbild gesehen, in dem jemand gewagt hat, Worte wie „Traum“, „Bestimmung“ oder „Menschlichkeit“ zu verwenden? Aber warum hat letztendlich doch nicht Xerox von diesen Innovationen profitiert? Warum war Apple das Unternehmen, das von diesen Erfindungen profitierte? Der Grund liegt wieder einmal in der Sprache. Als die Forscher*innen ihre Erfindungen präsentierten, antwortete die Management-Abteilung mit: Wie erhöht sich dadurch der Absatz unserer Kopiergeräte? Die zwei Seiten verstanden sich nicht. Es gab eine Barriere: eine Sprachbarriere.

Sprachliche Unterschiede: der Leistungsmotor und der Innovationsorganismus

Diese Sprachbarriere spiegelt den Konflikt zwischen dem Leistungsmotor und dem Innovationsorganismus wider. Beide sprechen sehr unterschiedliche Sprachen.

Der Leistungsmotor ist das „Business as usual“: Manager*innen wollen Gewinne erzielen, indem sie Schnelligkeit über alles setzen und auf Basis der Vergangenheit Vorhersagen machen. Auf der anderen Seite haben wir den Innovationsorganismus, der in die Zukunft blickt und versucht, Wert zu entdecken, wo es bisher keinen gab. Der Leistungsmotor ist bürokratisch, roboterhaft, verknöchert, stumpf, verfallend, kontrollierend und bevormundend. Ganz anders das Wesen des Innovationsmotors: organisch, forschend, glaubend und offen. Auf der einen Seite haben wir also diese maschinenartige, industriezeitliche Kommando- und Kontrollsprache, auf der anderen Seite die Sprache der Innovation. Welche Art von Diskussionen erzeugen diese unterschiedlichen Sprachen und wie kompatibel sind sie in einer Unterhaltung zwischen diesen beiden Welten?

Die Konversation zwischen Leistungsmotor und Innovationsorganismus ist ein Zusammenprall zweier Sprachen. Die eine sieht Innovation als eine Liste von Handlungen, während die andere Raum für Innovation schafft. Nehmen wir an, die Management-Abteilung ist motiviert, dieses „Innovations-Dings“ anzugehen. Es entsteht ein Muster. In den Augen des Leistungsmotors ist Innovation eine To-do-Liste, und deshalb befiehlt man, innovativ zu sein:

  • Wir haben gehört, dass Transparenz wichtig ist, also machen wir alles transparent.
  • Wir haben gehört, dass wir intensive Zusammenarbeit brauchen, also lass uns effizienter zusammenarbeiten.
  • Wir haben gehört, dass sich der Markt ständig verändert und man ständig darauf reagieren muss, also reagiert besser!

So, die Sache mit der Innovation ist damit erledigt.

Das ist Innovation, ausgedrückt durch die Sprache der Leistung. Aber die Sprache der Innovation sollte nicht in Handlungen sprechen, sondern über Werte, Überzeugungen und Bedingungen. Dieser „Aktionismus“ verwechselt Innovation als Handlung mit Innovation als Raum. Die Sprache der Innovation schafft, ermutigt, nährt und fördert hohes Potenzial. Werfen wir noch einmal einen Blick auf die Begriffe Transparenz, Kooperation und Reaktionsfähigkeit: Fragen sind wichtig. Worte sind wichtig. Es kommt darauf an, einen Raum hierfür zu schaffen – nicht eine To-Do-Liste. Genau dieser Raum schafft auch Raum für eine menschlichere Sprache.

Aufruf zu einer neuen menschlichen Sprache

Eine menschliche Sprache betont Werte, Überzeugungen und Bedingungen. Eine menschliche Sprache ermutigt, nährt und fördert Worte, die diesen Raum des Denkens schaffen. Die Zeit von „move fast and break things“ ist vorbei. In Zeiten von künstlicher Intelligenz, Automatisierung und globaler Skalierung ist es dringend notwendig, dass wir unsere Menschlichkeit neu betonen. Wir müssen an uns selbst arbeiten, nicht noch eine neue App produzieren. Die Bestie, die wir füttern – auch bekannt als Wirtschaft – basiert auf einem ganzen Bündel von Regeln, die meist nicht hinterfragt werden.

Und genau das ist der Punkt. Wir müssen wagen, menschlicher zu werden und diese menschlichere Sprache in all die aufregenden neuen Möglichkeiten einarbeiten. Wir müssen eine Innovationskultur fördern, welche die Menschheit vorwärts treibt. Unsere Sprache spiegelt den Weg wider, den wir beschreiten. Werfen wir zum Beispiel einen Blick auf einige Redewendungen, die Teil unseres alltäglichen Vokabulars geworden sind: „meine Batterie ist leer“ oder „sich mit jemandem kurzschliessen“. Sollten wir nicht lieber danach streben, menschlicher zu werden, anstatt dass wir mehr und mehr wie Maschinen werden, indem wir wie Maschinen sprechen?

Bastiaan referiert und dreht sich zu den Folien hinter sich. Die Folie zeigt englische Ausdrücke, in denen Menschen mit Technologie gleichgesetzt werden, wie "My battery is empty".
Ausdrücke wie „meine Batterie ist leer“ zeigen, wie sehr wir es nötig haben, Menschlichkeit in unsere Sprache zurückzubringen.

Wir müssen unsere menschliche Sprache in künstliche Intelligenz, Algorithmen, Automatisierung und Big Data einfliessen lassen. Wir müssen dazu weder Teil der Maschine werden, noch der Maschine dienen. Wir müssen wirklich menschlich sein: kreative, menschliche Wesen. Wir müssen anfangen, eine neue Geschichte zu schreiben. Darüber, wohin wir uns entwickeln und wie Innovation tatsächlich der Menschheit dienen kann und über Ökonomie hinausgeht.

Sprache ist ein Werkzeug. Wie jedes andere Werkzeug kann sie für Gutes oder Schlechtes eingesetzt werden. Sprache kann Menschen ausbeuten oder ihnen dienen. Wenn wir in unserer Designarbeit Sprache benutzen, um diesen mentalen Raum zu schaffen, damit andere anders denken können, dann haben wir Sprache als ein mächtiges Werkzeug verstanden – als vielleicht das mächtigste Werkzeug, das für das Gute eingesetzt werden kann. Sprache macht einen Unterschied. Den Unterschied zwischen etwas richtig tun und das Richtige tun.