Bild zeigt Crewmitglied Lang, die mit Post-it-Zetteln unsere Organisationsstruktur aufzeichnet.

Peer-to-Peer: Eine Alternative zu traditionellen Organisationsformen

23.11.17

Mehr Verantwortung, echte Autonomität und erhöhte Klarheit darüber, wieso wir eigentlich tun, was wir tun – ein Rückblick auf unsere ersten sechs Monate als «Peer-to-Peer»-Organisation.

Organisationsformen: Grenzen und Möglichkeiten

Herkömmliche Organisationsmodelle erreichen in der heutigen Welt ihre Grenzen. Einerseits aus systemischer, andererseits aber auch aus menschlicher Sicht. Ob Fliessbandarbeitende oder Führungspersonal: beide Enden der Pyramide sind desillusioniert und schotten sich mental von ihrer Arbeit ab. Wir brauchen neue Formen der Zusammenarbeit, die uns erlauben, uns wieder mit unserer Arbeit zu verbinden. Die einen integrierten, sinnstiftenden Ansatz verfolgen. Es ist nicht einfach, altgewohnte Strukturen des industriellen Zeitalters zu überwinden – aber es ist möglich. Wir haben uns entschieden, diesen Weg einzuschlagen und Nothing Interactive zu einer Peer-to-Peer-Organisation zu machen.

Was ist eine Peer-to-Peer-Organisation?

Peer-to-Peer (oder kurz P2P) ist der Grundsatz unseres Organisationsmodells: Alle sind als „Peers“ („Gleichstehende“) an der Organisationsgestaltung beteiligt. Es gibt keine Hierarchien – zumindest nicht in Bezug auf einzelne Personen. Die Hierarchien, die es gibt, sind Hierarchien zwischen unterschiedlichen Arbeitsbereichen oder Rollen, aber mehr dazu später. Unser P2P-System basiert auf vier grundlegenden Prinzipien:

  • Wir haben keine festen Jobtitel. Stattdessen übernehmen alle mehrere autonome Rollen. Innerhalb dieser Rollen kann jede_r eigenständig Entscheidungen treffen – so werden Entscheidungen zur richtigen Zeit am richtigen Ort getroffen.
  • Anstelle fixer Stellenbeschriebe, die festlegen, was von uns erwartet wird, strukturieren wir unsere Arbeit durch sogenannte Purposes, die Sinn und Ziel von einer Rolle festlegen.
  • Wir machen Verantwortlichkeit und Erwartungen explizit. So können wir nicht nur Missverständnisse vermeiden, sondern vor allem auch unnötige Einschränkungen beseitigen, sodass jedes einzelne Crew-Mitglied befähigt ist, autonom zu handeln.
  • Unser P2P-System ist evolutionär, das heisst, wir arbeiten stetig daran, es zu verbessern. Insofern ist es spezifisch auf Nothing Interactive ausgerichtet. Es wächst und verändert sich mit und durch uns.

Wir haben uns für unser P2P-System von verschiedenen Quellen inspirieren lassen. Frederic Laloux‘ Buch „Reinventing Organizations“ bietet zum Beispiel eine grossartige Einführung zu integrativen, sinnstiftenden Organisationsformen. Laloux zeigt anhand zahlreicher Praxisbeispiele sehr schön, dass solche Ansätze in Unternehmen unterschiedlichster Grösse möglich sind. Das P2P-System unserer Rakete ist zudem von Brian Robertsons Holacracy-Framework inspiriert, einem Organisationsmodell, das Entscheidungskraft im Unternehmen strukturiert und sinn-getrieben dezentralisiert.

Klarheit über Verantwortung, Sinn und Ziel

Am 20.04.2017 unterschrieben wir alle gemeinsam unsere P2P-Verfassung. Vor einigen Wochen durften wir das sechsmonatige Bestehen unserer Verfassung – und damit unseres P2P-Systems – feiern. Ein guter Zeitpunkt also, um unsere ersten Erkenntnisse, Herausforderungen und Erfolge zu teilen!

Die für uns bedeutendste positive Veränderung ist, dass unser neues System mehr Klarheit bietet. Einerseits darüber, wer wo Verantwortung trägt. Andererseits bietet es aber auch Klarheit darüber, wieso wir eigentlich tun, was wir tun. Beides verdanken wir unseren bereits erwähnten Rollen. Rollen halten fest, wer wofür zuständig ist. Sie machen Rechte und Verantwortlichkeiten explizit. Rollen sind aber weit mehr als eine Aufgabenzuteilung. Sie geben auch Aufschluss darüber, was der Sinn dieser Aufgaben ist. Jede unserer Rollen hat drei Komponenten:

  • Einen Purpose, sprich eine Beschreibung, was genau Sinn und Ziel dieser Rolle ist: Was will und soll diese Rolle erreichen?
  • Eine Liste von Verantwortlichkeiten: Was sind die regelmässigen Aufgaben dieser Rolle? Was erwarten wir von ihr?
  • Der Name der Person, welche die Rolle derzeit innehat.

Ein System, das sich stetig anpasst

Unser P2P-System ist aber auch deshalb wertvoll, weil es evolutionär ist. Es ist per Definition nie „fertig“. Es lebt und verändert sich mit uns. Alle an Bord sind befähigt (und beauftragt), das System zu verändern, indem sie nach „Spannungen“ Ausschau halten. Spannungen beschreiben den Abstand zwischen dem aktuellen Zustand unseres P2P-Systems und einer möglichen (besseren) Version: Gibt es etwas, was anders sein könnte und sollte? Indem alle innerhalb ihrer Rollen nach solchen Spannungen Ausschau halten, können wir sicherstellen, dass Veränderung nicht „von oben“ kommt sondern direkt bei den betroffenen Rollen stattfindet. Ausserdem können wir so schneller und flexibler reagieren – schliesslich gibt es 19 von uns, die nach Problemen und Möglichkeiten Ausschau halten!

Rollen: Chance und Herausforderung

Natürlich war nicht alles einfach. Ein zentraler Aspekt unseres P2P-Systems ist, dass auf Rollen und nicht auf Personen basiert. Es ist keine Person, die Entscheidungen trifft, es ist immer eine Rolle. Entscheidungsgrundlage sollten also nicht die eigenen Interessen sondern das Ziel der Rolle (ihr Purpose) sein. So können implizite, persönliche Interessen entlarvt und das eigene Ego ausgeklammert werden. Klingt theoretisch grossartig. Ist aber viel leichter gesagt als getan. Wir sind gewohnt, Entscheide „nach Bauchgefühl“ zu treffen. Es braucht Disziplin und Übung, diese persönlichen Aspekte kritisch zu hinterfragen. Was uns zur Zeit hilft, ist, explizit nachzuhaken, welche Rolle (nicht welche Person!) Entscheidungen trifft. Wir weisen uns auch gegenseitig immer wieder darauf hin, welche Rollen wir in unserer Arbeit vertreten, und welche Rollen wir zum Beispiel mit einer Frage ansprechen.

Explizite Verantwortung heisst, auch wirklich zu handeln

Kernstück unseres P2P-Systems ist eine transparente, laufend aktualisierte Visualisierung aller Rollen. Sie zeigt auf, wer zur Zeit wofür Verantwortung trägt. Dies wiederum ermöglicht uns, autonom zu handeln. Diese Visualisierung, nun Teil unseres digitalen Toolsets Peerdom, begleitet uns seit Beginn unseres P2P-Systems: Das Allererste, was wir taten, war, unsere damaligen Zuständigkeiten explizit zu dokumentieren. Dabei wäre es natürlich verlockend gewesen, eine Ideal-Struktur abzubilden. Die beste Organisationsvisualisierung bringt aber nichts, wenn sie nicht auch tatsächlich gelebt wird.

Wir mussten immer wieder feststellen, dass wir (neue) Rollen identifizierten, die für unsere Organisation notwendig sind, die aber (noch) von niemandem ausgeübt wurden. Unsere erste Reaktion war, diese Rollen unterschiedlichen Crew-Mitgliedern zuzuteilen – aber natürlich kann ein Mensch nicht plötzlich 10 Stunden mehr arbeiten. Auch wenn es verlockend ist, mehr Verantwortung zu übernehmen, mussten wir uns oft eingestehen, dass unsere Kapazität einfach nicht reicht. Denn sobald Verantwortung explizit ist, ist man verpflichtet, diese auch wirklich wahrzunehmen.

Wir experimentieren zur Zeit damit, den Zeitaufwand unterschiedlicher Rollen einzuschätzen, um besser beurteilen zu können, wer welche Rolle übernehmen kann und möchte. Diese Einschätzungen helfen uns übrigens auch, gezielt zu entscheiden, ob und wofür wir neue Talente suchen wollen, sodass wir kontrolliert wachsen können!

Was nun?

Was haben wir also in unseren ersten sechs Monaten als P2P-Organisation gelernt? Es mag offensichtlich sein, aber wir müssen klar sagen: Eine solche Neugestaltung braucht Zeit. Unser P2P-System läuft bei weitem nicht reibungslos. Aber das ist okay – radikale Veränderung ist nur möglich, wenn wir gewillt sind, zu lernen, zu scheitern und uns anhand neuer Erkenntnisse zu verbessern. Mit unserem P2P-System lernen wir, Scheitern als Teil unseres Lernprozesses zu akzeptieren. Es wäre vielmehr verdächtig, wenn wir keine Schwierigkeiten hätten: Der Wandel von einer traditionellen, industriellen Organisationsform zu Peer-to-Peer birgt immer Herausforderungen (oder: Spannungen!).

Es ist okay, skeptisch zu sein. Es ist auch okay, Wandel kritisch anzugehen und etwas Angst davor zu haben. Das Wichtigste ist, bei Hindernissen nicht gleich zu kapitulieren und auf industrielle Arbeitsweisen zurückzugreifen. Hindernisse sind nichts anderes als Spannungen: Wenn wir innehalten und sie objektiv betrachten, verbirgt sich dahinter oft nicht nur ein Problem, sondern auch eine Chance. Selbst nach nur sechs Monaten können wir bereits ungemein von unserem P2P-System profitieren. Einerseits aus systemischer Sicht, indem wir zum Beispiel schneller und gezielter Entscheidungen treffen können. Andererseits aber auch aus menschlicher Sicht: Unser P2P-System hat uns näher zusammengebracht. Als Peers, aber auch als Menschen. Wir sind gespannt, wie sich unser P2P-System weiterentwickelt!

Weitere P2P-Ressourcen

Hungrig auf mehr P2P? Im November 2017 organisierten wir einen Event zum Thema Redesigning Organisations, wo wir drei interessante Beiträge von Pim und Joost von den Corporate Rebels, Diane von Rebels at Work und Spot aus unserer Rakete geniessen durften. Viel Spass mit den Videoaufnahmen!

Falls du ebenfalls neue Organisationsformen auslotest (oder bereits komplett an Bord bist), würden wir uns freuen, von dir zu hören! Glow (Mona) ist unter glow@nothing.ch und Lang (Lara) unter lang@nothing.ch erreichbar. Wir würden uns freuen, Fragen, Herausforderungen, Ideen und Erfahrungen auszutauschen!