Eine Illustration zeigt eine Person im Rollstuhl, die einen Bildschirm präsentiert.

Barrierefreiheit – ein praktischer Einstieg

16.02.21

Ein fünftägiger Leitfaden, der dich zum Nachdenken über Barrierefreiheit in deiner Designpraxis anregt.

Warum Barrierefreiheit?

Barrierefreiheit (auf Englisch „Accessibility“) bedeutet, allen die gleichen Möglichkeiten zu bieten, sich mit einem Produkt oder einer Dienstleistung zu beschäftigen. Es gibt solide Geschäftsargumente dafür, warum sich Barrierefreiheit lohnt: Man kann mehr Menschen erreichen, Innovation anspornen und die Codequalität verbessern. Als Designer*in wirst du auch deine eigene, persönliche Antwort auf diese Frage finden wollen. Wir bei Nothing haben einige Gründe, warum wir als Designagentur gemeinsam in dieses Thema investieren:

  • Weil es wichtig ist: Unser Ziel ist es, Produkte zu schaffen, die von Bedeutung sind. Das ist der Plan. Menschen mit Behinderung wollen diese Produkte auch nutzen. Tatsächlich sind digitale Technologien für Menschen mit Behinderung oft besonders und in ganz einzigartiger Weise von Bedeutung.
  • Weil es gutes Design ist: Barrierefreies Design verbessert generell die Benutzerfreundlichkeit von Produkten – es ist schlichtweg gutes Design.
  • Weil es (manchmal) obligatorisch ist: Viele unserer bestehenden und potentiellen Kund*innen sind gesetzlich verpflichtet, Standards zur Barrierefreiheit zu erfüllen (z.B. staatliche und administrative-öffentliche Dienste oder Unternehmen und Organisationen, die einen staatlichen Auftrag haben, wie die SBB; Gesetz auf Deutsch, Gesetz auf Französisch).  

Loslegen mit Barrierefreiheit

Barrierefreiheit ist nicht einfach. In erster Linie geht es um die Berücksichtigung von Lebenserfahrungen, die manchmal sehr anders sind als unseren eigenen. Lebenserfahrungen, die wir vielleicht nicht wirklich verstehen. Es gibt viele Fragen und oft keine klaren Antworten. Das kann verwirrend sein, vor allem am Anfang. Barrierefreiheit zu praktizieren ist ein Lernprozess, oder umgekehrt: Barrierefreiheit zu lernen ist Teil der Praxis. Egal wie viel oder wenig du bereits weisst, du kannst jetzt damit anfangen und wirst durch Praxis und Erfahrung besser werden. Auch wir lernen alle noch. In diesem Sinn wird dich dieser Leitfaden nicht auf den Gipfel des Berges bringen, er ist aber eine Einladung, uns auf dem Weg dorthin zu begleiten.

Um die Sache überschaubar zu halten und dir genügend Zeit zum Nachdenken zu geben, haben wir die Reise in fünf Tage aufgeteilt. Es ist oft schwierig, Raum für Barrierefreiheit zu schaffen. Es erfordert eine bewusste Anstrengung. Du kannst es also bereits als Teil der Praxis betrachten, diesen fünf Übungen trotz allen anderen Aufgaben, die auf deiner Todo-Liste stehen, angemessen Zeit und Konzentration zu schenken.

A visually impaired person is crossing the street. The scene is framed by a phone mockup.
Illustration by Katerina Limpitsouni unDraw

Tag 1: Grundkonzepte

  • Lies Kapitel 1 und 2 von „A Web for Everyone“. Sie bieten eine gute Einführung in die grundlegenden Konzepte der Barrierefreiheit. Du kannst das erste Kapitel kostenlos von Rosenfeld Media herunterladen und einen Auszug aus dem zweiten Kapitel auf UX Magazine lesen. Wenn dir die Lektüre gefällt und du davon profitierst, dann kauf das Buch.
  • Denk darüber nach, wie du das Gelesene auf dein Leben beziehen kannst. Kennst du eine Person, die eine Behinderung hat? Hast oder hattest du selbst eine Behinderung? Kannst du dich an eine Situation erinnern, in der du in irgendeiner Weise eingeschränkt warst? Vielleicht konntest du deine Hände beim Einkaufen nicht benutzen, konntest wegen des Sonnenlichts nicht sehr gut sehen oder konntest dich nicht konzentrieren, weil du zum Zug ranntest.

Tag 2: Inklusive Designpraktiken

  • Lies das Einführungskapitel von „Design for Real Life“, um dir einen Eindruck über inklusive Methoden zu verschaffen.
  • Denk darüber nach, wie sich dies auf dein Leben bezieht. Kannst du dich an einen Moment erinnern, in dem du dich ausgeschlossen gefühlt hast, weil ein Design deine Lebenserfahrung eindeutig nicht berücksichtigt hat? Als du dich wie ein Sonderfall gefühlt hast? Oder hast du von anderen Menschen gehört, die solche Erfahrungen gemacht haben?

Tag 3: Aktuelle, vergangene und zukünftige Bemühungen

Wie zu Beginn erwähnt, ist Barrierefreiheit ein Lernprozess. Schau dir für heute an, was derzeit an deinem Arbeitsplatz vor sich geht. Setzt sich jemand für dieses Thema ein? Was wurde bisher getan? Was könnte (noch) getan werden?

Bei Nothing versuchen wir zum Beispiel, das, was wir getan und gelernt haben, zu dokumentieren und weiterzugeben. Wenn du möchtest, wirf einen Blick auf die Dinge, die wir über Barrierefreiheit geschrieben haben:

Tag 4: Praktische Erfahrung

Heute geht es um praktische Erfahrung. Vielleicht hast du einige dieser Dinge bereits einmal gemacht. Vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall: Nimm dir heute etwas Zeit dafür.

Mac-Nutzer*innen: Mach dich mit VoiceOver auf deinem Mac vertraut, indem du die kurze VoiceOver-Schulung unter Systemeinstellungen → Barrierefreiheit → VoiceOver durchgehst.

  • iPhone-Nutzer*innen: Aktiviere VoiceOver auf deinem iPhone in Einstellungen → Allgemein → Barrierefreiheit → VoiceOver und versuche, die Konfiguration (Sprechgeschwindigkeit, usw.) anzupassen, ohne auf den Bildschirm zu schauen.

  • Android-Nutzer*innen: Aktiviere TalkBack in Einstellungen → Barrierefreiheit → TalkBack und versuche, deine Konfiguration (Sprachlautstärke, usw.) anzupassen, ohne auf den Bildschirm zu schauen.

  • UI-Designer*innen: Installiere ein Tool zur Überprüfung deiner Farben, zum Beispiel Sim Daltonism, oder setze ein Lesezeichen für einen Online-Farbkontrastchecker wie Contrast Checker von WebAIM oder contrast-ratio.com. Denk auch über weitere Tools nach, die für dich interessant sein könnten (dazu kannst du dich natürlich gerne mit uns in Verbindung setzen).

Tag 5: Rückblick und Ausblick

Zeit zum Nachdenken. Schau dir die Fragen und Ideen an, auf die du im Laufe der Woche gestossen bist. Entscheide dich, was du jetzt in deine Designpraxis aufnehmen kannst und worauf du als Nächstes hinarbeiten wirst. Wenn du möchtest, kannst du dich mit jemandem von unserem Designteam in Verbindung setzen und deine Ideen und Erfahrungen der letzten vier Tage besprechen.

Natürlich ist Barrierefreiheit ein viel grösseres Thema, als das man alles Nötige in fünf Tagen lernen könnte. Wie eingangs erwähnt, soll dieser Leitfaden dich nicht auf den Gipfel des Berges bringen; er ist vielmehr eine Einladung, sich uns anzuschliessen. Wir können dich auf diesem Weg als Bergführer*in unterstützen: Wir haben Erfahrung mit dem Aufstieg auf diesen Berg und kennen die kniffligen Stellen. Wir haben auch die richtigen Hilfsmittel zur Hand, um dein Vorhaben zu unterstützen. Aber vor allem haben wir gelernt, dass Barrierefreiheit keine Einzelarbeit ist. Wenn du jemanden brauchen könntest, der dein Projektteam so ausrichtet, dass Barrierefreiheit mehr ins Zentrum rückt, melde dich.

Hast du weitere Fragen zu Barrierefreiheit oder zu unserer Arbeit im Allgemeinen? Wende dich an Andreas Moesch (iadu@nothing.ch).